Kapitel 3: Der Stein des Sehens

Chapter 3: The Stone of Seeing

 

 Kapitel 3: Der Stein des Sehens

 

Wieder einmal, wie eigentlich fast täglich, ging Embla zu der alten Ulme, setzte sich für einen Moment auf die knorrigen Wurzeln, stand dann wieder auf, denn etwas in ihr wollte höher, wollte klettern, wollte dem Licht entgegen. Ein Ast hing tief genug, um ihn zu greifen, und Embla zögerte nicht, sondern schwang sich hinauf, spürte das raue Holz unter ihren Händen, den Wind in ihrem Haar und das Rascheln der Blätter, das wie eine Sprache klang, die sie fast verstand.

Je höher sie stieg, desto stiller wurde es um sie, als würde die Welt sich zurückziehen, um Raum zu schaffen für etwas anderes, etwas Inneres, das nur in der Höhe hörbar war. In einer Astgabel entdeckte sie ein Vogelnest, und weil sie neugierig war, beugte sie sich vor, um zu sehen, ob etwas darin lag, und sie staunte, denn sie hatte mit Eiern gerechnet, doch stattdessen lag dort ein handgroßer Stein, glatt und rund, mit einer Spirale eingeritzt, die wie ein Zeichen aus einer anderen Zeit wirkte.

Embla nahm den Stein vorsichtig in ihre Hand, und in dem Moment, als ihre Finger die Spirale berührten, hörte sie den Baum sprechen – nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die sich direkt in ihr Herz legten. „Du bist wie sie“, sagte der Baum, und Embla hielt den Atem an, denn sie wusste nicht, wer „sie“ war, aber sie fühlte, dass es wichtig war, dass es etwas in ihr berührte, das älter war als Erinnerung.

„Eine, die einst lauschte. Eine, die fragte, ohne zu fordern. Eine, die verstand, ohne zu wissen.“ Der Baum zeigte ihr eine Frau – jung und alt zugleich – mit Augen wie Morgentau, die unter der Ulme saß, so wie Embla jetzt, deren Hände die Rinde berührten, deren Gedanken flossen wie Wasser in einem klaren, ruhigen Bach.

„Sie war einfühlsam, bedächtig – wie du“, flüsterte der Baum, und Embla spürte Tränen in ihren Augen, nicht aus Traurigkeit, sondern weil es sich anfühlte wie eine Erinnerung an etwas, das sie nie erlebt hatte, aber dennoch kannte. „Sie ging fort. Aber sie versprach, wiederzukehren. Vielleicht bist ja du ihr Versprechen“, sagte der Baum, und Embla verstand noch nicht den tiefen Sinn dieser Worte, aber sie wusste, dass sie ihn eines Tages begreifen würde, wenn die Zeit reif war.

Die Worte hatten Gewicht, spürte Embla – nicht wie eine Last, sondern wie einen Schlüssel, dessen Schloss noch nicht gebaut war, und sie trug sie in sich wie ein Samenkorn, das in der Erde auf den richtigen Moment wartete, um sich in der Sonne zu räckeln und zu wachsen. Sie würde die Worte – die eigentlich Bilder waren – in sich tragen: in Gedanken, in ihren Träumen vielleicht, im Singen des Windes, in Liedern, die nicht von Menschen gemacht wurden, sondern von etwas, das älter war als Sprache.
„Vielleicht bist du das Versprechen, das einst im Wind verloren ging“, flüsterte der Baum, und Embla wusste, dass sie es bewahren würde – nicht wie einen Besitz, sondern wie einen Ruf, der sie eines Tages führen würde.

 

Chapter 3: The Stone of Seeing

 

Once again, as she did almost every day, Embla walked to the old elm tree, sat for a moment upon its gnarled roots, then stood up again, for something within her wanted to rise, to climb, to reach toward the light. A branch hung low enough to grasp, and Embla did not hesitate, but pulled herself up, feeling the rough wood beneath her hands, the wind in her hair, and the rustling of the leaves, which sounded like a language she almost understood.

The higher she climbed, the quieter everything became around her, as if the world were retreating to make space for something else, something inward, that could only be heard from above. In the crook of a branch she discovered a bird’s nest, and because she was curious, she leaned forward to see if anything lay inside, and she was astonished, for she had expected eggs, but instead there was a palm-sized stone, smooth and round, with a spiral carved into it, like a sign from another time.

Embla gently took the stone into her hand, and in the moment her fingers touched the spiral, she heard the tree speak – not with words, but with images that settled directly into her heart. “You are like her,” said the tree, and Embla held her breath, for she did not know who “she” was, but she felt that it mattered, that it touched something within her older than memory.

“One who once listened. One who asked without demanding. One who understood without knowing.” The tree showed her a woman – young and old at once – with eyes like morning dew, who sat beneath the elm just as Embla did now, whose hands touched the bark, whose thoughts flowed like water in a clear, quiet stream.

“She was gentle, deliberate – like you,” whispered the tree, and Embla felt tears in her eyes, not from sadness, but because it felt like remembering something she had never lived, yet somehow knew. “She went away. But she promised to return. Perhaps you are her promise,” said the tree, and Embla did not yet understand the deep meaning of these words, but she knew she would one day, when the time was right.

Embla felt the words had weight – not like a burden, but like a key whose lock had not yet been built, and she carried them within her like a seed in the soil, waiting for the right moment to stretch toward the sun and grow. She would carry the words – which were really images – within her: in thoughts, perhaps in dreams, in the singing of the wind, in songs not made by humans, but by something older than language.

“Perhaps you are the promise that once was lost in the wind,” whispered the tree, and Embla knew she would keep it – not as a possession, but as a calling that would one day guide her.

 

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